DER VATER, DER SAGEN WURDE, ES SEI LIEBE: DIE SCHOCKIERENDE WAHRHEIT HINTER DEM FALL TRACY LATIMER
Ein Sonntag, der alles veränderte
Es ist der 24. Oktober 1993. Ein ganz gewöhnlicher Sonntagmorgen in der kanadischen Provinz Saskatchewan. Auf dem abgelegenen Bauernhof der Familie Latimer herrscht die übliche Routine. Während die Mutter Laura mit den Geschwistern in die Kirche fährt, bleibt der Vater, Robert Latimer, zu Hause. Bei seiner zwölfjährigen Tochter Tracy.
Was in diesen Stunden auf dem Hof geschieht, wird die kanadische Nation für immer spalten. Es ist kein gewöhnliches Verbrechen. Es ist eine Bluttat, begangen von einem Vater, der bis heute Stein und Bein schwört: „Ich habe es getan, weil ich sie geliebt habe.“
Die Geburt, die alles zerstörte

Um zu verstehen, wie ein Vater zu einer solchen Tat fähig ist, müssen wir mehr als ein Jahrzehnt zurückgehen. Am 23. November 1980 erblickt Tracy das Licht der Welt. Eine völlig normale Schwangerschaft. Nichts deutet auf eine Katastrophe hin.
Doch bei der Entbindung stoppt Tracys Atmung. Die Ärzte kämpfen, reanimieren das Baby erfolgreich – doch es war zu spät. Tracy war zu lange ohne Sauerstoff. Die Folgen sind niederschmetternd: Eine schwerste Form von Zerebralparese. Ihr kompletter Körper ist betroffen. Tracy kann weder gehen, noch sprechen, noch sitzen. Ihre geistige Entwicklung bleibt auf dem Stand eines Kleinkindes.
Ein Leben im Dauerschmerz: Zwölf Jahre Folter
Die Latimers geben ihre Tochter nicht auf. Sie pflegen sie rund um die Uhr, besuchen Ärzte, ertragen Krankenhausaufenthalte. Doch Tracys Alltag wird von Tag zu Tag unerträglicher. Mehrere epileptische Anfälle – jeden einzelnen Tag. Die Medikamente machen sie schwach, zerstören ihre Verdauung, behindern die Atmung.
Ihr Körper verformt sich dramatisch. Die Muskeln verkrampfen sich, Gelenke verrenken sich, die Wirbelsäule verkrümmt sich stark. Mit vier Jahren die erste Operation, mit sieben die nächste. Metallstäbe müssen gegen Skoliose eingesetzt werden. Die Hüftgelenke beginnen zu luxieren.
Tracy schreit. Nicht einfach ein weinerliches Schreien, das man durch Trösten beruhigen könnte. Es sind Schmerzensschreie aus dem Inneren ihres eigenen zerrütteten Körpers, denen sie nicht entkommen kann. Die Ärzte stehen machtlos daneben. Stärkere Schmerzmittel sind wegen ihrer Epilepsie-Medikation kaum einsetzbar.
Die Erschöpfung einer Familie am Abgrund

Zwölf Jahre lang hat die Familie diesem unsäglichen Leiden zugesehen. Zwölf Jahre lang ein ständiger Kreislauf aus Operationen, Krankenhausmauern und panischer Hilflosigkeit. Die Latimers sind keine kaltherzigen Menschen. Sie sind ruhige, zurückgezogene Farmer, die niemals um Hilfe bitten, sondern alles selbst tragen. Doch im Herbst 1993 ist dieser Speicher leer.
Im Oktober kommt der Schock: Die Ärzte verkünden, dass eine erneute Operation ansteht. Tracys rechtes Hüftgelenk soll entfernt, ein Teil des Oberschenkelknochens abgesägt werden. Ohne Garantie auf Besserung. Nur das Versprechen von noch mehr unerträglichen Schmerzen.
In diesem Moment bricht in Mutter Laura etwas zusammen. Sie gesteht ihrem Mann unter Tränen, dass sie sich wünscht, Tracy würde einfach einschlafen. Sie erwähnt sogar den Namen Dr. Jack Kevorkian, den bekannten amerikanischen Arzt für Sterbehilfe. Es ist ein verzweifelter Hilferuf. Ein Ausspruch der puren Erschöpfung. Doch Robert nimmt diese Verzweiflung beim Wort. Und setzt sie um.
Das Verbrechen im Schatten des Trucks
Während die Familie in der Kirche weilt, vollzieht Robert Latimer das Undenkbare. Er trägt seine zwölfjährige Tochter hinaus in den Pick-up. Er legt einen Schlauch vom Auspuff in die Kabine, setzt sich ans Steuer und lässt den Motor an.
Er glaubt fest daran, dass Tracy friedlich einschläft und von ihrem lebenslangen Martyrium erlöst wird. Als Laura am Nachmittag nach Hause kommt, findet sie Tracy leblos im Bett. Robert ruft selbst die Polizei, behauptet zunächst, das Mädchen sei im Schlaf gestorben. Niemand zweifelt daran – bis die Rechtsmedizin die Wahrheit ans Licht bringt: Eine extrem hohe Konzentration von Kohlenmonoxid im Blut.
Die Polizei rückt an. Robert wird verhaftet, man bietet ihm einen Anwalt an. Doch Robert winkt ab. Er greift nicht zum Telefon. Stattdessen legt er ein langes, restloses Geständnis ab. Er zeigt den Beamten genau, wie er es getan hat. Seine Begründung schockiert die Ermittler: Aus Liebe.
Der Prozess des Jahrhunderts: Mord oder Barmherzigkeit?
Der Gerichtssaal in Saskatchewan wird zum Schauplatz einer nationalen Sinnkrise. Es gibt keine Beweisfragen – Robert hat gestanden. Die Frage ist vielmehr: Wie urteilt das Gesetz über einen Vater, der aus angebliche Barmherzigkeit tötet?
Das kanadische Gesetz kennt zu dieser Zeit keine Grauzone. Keine Kategorie für „Sterbehilfe“ oder „Mitleidstötung“. Mord bleibt Mord. Die Jury verurteilt Robert Latimer zu einer lebenslangen Haftstrafe mit einer Mindestverbüßungszeit von zehn Jahren. Der Richter ist an die Gesetze gebunden. Er kann kein milderes Urteil fällen.
Doch draußen vor den Gerichtssälen bricht ein Sturm los.
Ein gespaltenes Land: Verständnis versus Entsetzen
Die öffentliche Meinung bricht in zwei Lager auseinander. Auf der einen Seite stehen Nachbarn, Farmer, Tausende normale Bürger und sogar Politiker. Sie sehen in Robert einen gebrochenen, opferbereiten Vater, der sein Kind von zwölfeinhalb Jahren unvorstellbarer Folter erlöst hat. Sie fordern Begnadigung und mildere Strafen.
Auf der anderen Seite schlagen Behindertenrechtsorganisationen Alarm. Ihre Warnung ist unmissverständlich und schneidend:
Wenn wir das Morden eines behinderten Kindes als „Barmherzigkeit“ bezeichnen, wer bestimmt dann in Zukunft, wessen Leben lebenswert ist und wessen nicht?
Tracy konnte niemals zustimmen. Sie wurde gefragt, ob sie sterben will. Ihr Leben wurde von einem anderen Menschen für beendet erklärt, nur weil es schwer und schmerzhaft war.
Die Botschaft dahinter: Das Leben von Menschen mit schweren Behinderungen hat weniger Wert.
Dieser Konflikt macht den Fall Latimer zu einem der gefährlichsten und kontroversesten in der kanadischen Rechtsgeschichte.
Der juristische Marathon und das späte Ende
Der Kampf geht jahrelang durch die Instanzen. Der Oberste Gerichtshof hebt das erste Urteil wegen Fehlern bei der Jury-Auswahl auf. Im zweiten Prozess 1997 wird Robert erneut schuldig gesprochen. Diesmal versucht der Richter einen Ausweg: Er gewährt eine verfassungsmäßige Ausnahme und verurteilt ihn nur zu einem Jahr Haft und einem Jahr Bewährung.
Doch das Berufungsgericht und schliesslich der Oberste Gerichtshof kippen diesen Freifahrtschein. Das Gesetz kennt keine Gnade. Robert Latimer muss ins Gefängnis.
Erst im Dezember 2010 wird Robert Latimer nach Verbessern seiner Haft auf Bewährung entlassen. Er kehrt auf seinen Hof zurück. Seine Überzeugung hat er bis heute kein einziges Mal geändert. Bis heute bereut er seine Tat nicht. Er pocht darauf, dass er das Richtige getan hat – für seine Tochter.
Ein Schatten, der bis heute nach wirkt
Tracy Latimers Tod hat Kanada für immer verändert. Er erzwang eine nationale Debatte über Lebenswert, Schmerz, das Recht über Leben und Tod und die Grenzen des Rechtsstaates.
Als Kanada im Jahr 2016 schliesslich Gesetze zur medizinischen Sterbehilfe (MAID) einführte, war klar: Tracy hätte auch unter diesen neuen, strengen Regeln niemals dazugehört. Sie war minderjährig, sie konnte nicht sprechen, sie konnte nicht selbst zustimmen.
Die Frage, die über diesem Fall schwebt, bleibt auch Jahrzehnte später ungelöst: War Robert Latimer ein kaltblütiger Mörder – oder ein verzweifelter Vater, dessen Herz beim Anblick des unendlichen Leidens seines Kindes zerbrach? Die Antwort darauf überlässt dieser Fall jedem Leser selbst.